Marianne Fritzen

„Weil es ein­fach Gren­zen gibt, die das Gewis­sen setzt."

Mari­a­nne Frit­zen, 2010

 vollständiges Zitat
frauenORT Kontakt:

Dr. Ingrid Holst, GB

 

frauenORT Kontakt:

Anna Gäde, Gorleben Archiv

 

Marianne Fritzen vereinte Souveränität in der fachlichen Auseinandersetzung mit Offenheit und Fähigkeit zum Dialog. Die fünffache Mutter war Anfang 50, als ihr politisches Engagement gegen das Atomendlager in Gorleben begann. Sie bildete sich zur Expertin in Fragen der Atomenergie, übernahm als Erste den Vorsitz der Bürgerinitiative Umweltschutz (BI) und gründete später u.a. das Gorleben Archiv. Sie steht für den gewaltfreien Widerstand und ein breites gesellschaftliches Bündnis gegen Atomkraft und ist ein Beispiel für viele Frauen, die diese Protestbewegung maßgeblich geprägt haben. Die Aktivistin blieb ihren Überzeugungen stets treu, scheute keine Auseinandersetzung oder Form des zivilen Ungehorsams. 2020 wurde der Salzstock in Gorleben nach über 43 Jahren Widerstand als Endlager für ungeeignet erklärt.

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Lebenslauf

Mutig, geradlinig und mit Weitblick hat sich Marianne Fritzen in der Anti-Atomkraftbewegung engagiert und diese von Beginn an geprägt. Gewaltfreiheit und der Wille zum Dialog waren entscheidende Merkmale ihres Widerstandes. Mit den Betitelungen der Presse als „Mutter der Anti-Atom-Bewegung“ oder „Grande Dame des Widerstandes“ wollte Marianne Fritzen nicht benannt werden.

Marianne Fritzen wurde 1924 in Saarbrücken im Elsass geboren und wuchs zweisprachig auf. Ihr Abitur absolvierte sie in Paris und erlebte dort 1940 den Einmarsch der deutschen Wehrmacht. Nach dem Krieg gründete sie eine Familie, zog zunächst nach Berlin und mit ihrem zweiten Ehemann 1957 nach Lüchow ins Wendland. Die Jahre 1966 bis 1968 verbrachte die Familie in China/Taiwan, wo ihr Mann eine Gastprofessur innehatte. Sie selbst arbeitete dort als Französischdozentin.

Wieder im Wendland kehrte Marianne Fritzen zunächst in ihr Leben als Hausfrau und Mutter zurück. Es gilt als entscheidender biographischer Einschnitt, der zu ihrem Engagement gegen Atomkraft führte, als Ende 1973 Pläne für ein Atomkraftwerk bekannt wurden, das in direkter Nachbarschaft zu ihrem Wohnort geplant war. Zu Beginn ihrer Zeit im Wendland hatte sie sich stark in der katholischen Kirche engagiert. Die überwiegend CDU-geprägten Mitglieder des Pfarrgemeinderates konnten ihren Widerstand gegen die Pläne der atomaren Industrie jedoch nicht mittragen, was zu einem Bruch führte.

Der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht benannte am 22. Februar 1977 das ehemalige Fischerdorf Gorleben an der Elbe zum Standort eines Nuklearen Entsorgungszentrums (NEZ). Geplant war ebenfalls eine Wiederaufbereitungsanlage (WAA) für nukleare Abfälle. Diese Ankündigung löste im Wendland und weit darüber hinaus Proteste aus, die die verschiedensten Bevölkerungsgruppen vereinten.

Die Politik und die Atomindustrie hatten mit dieser Reaktion nicht gerechnet. Das strukturschwache, dünn besiedelte Gebiet wurde unter anderem deshalb ausgewählt, weil man wenig Widerstand erwartete. Die Pläne wurden den Lüchow-Dannenbergern als Hilfen für die strukturschwache Region dargestellt, es wurden Wohlstand, Fortschritt und neue Arbeitsplätze versprochen. Der Druck aus der Bevölkerung verhinderte die Errichtung der Wiederaufbereitungsanlage, Zwischenlager für radioaktive Abfälle wurden jedoch 1984 und 1995 in Betrieb genommen.

Im Zuge dieser Proteste nahm Marianne Fritzen am 19. März 1979 erstmals an einer Straßenblockade teil, die die Bohrfahrzeuge zur Erkundung des Salzstocks stoppen sollte. Es entstand ein ikonisches Bild der Anti-Atomkraftbewegung, das überregional bekannt wurde: Eine zierliche ältere Frau mit Wollmütze steht einer Polizeikette gegenüber und sucht das Gespräch mit den Polizisten.

Es war Marianne Fritzens Verdienst, mit Vertreterinnen und Vertretern des breiten Spektrums der Protestbewegung, aber auch mit Politikern, Industrie und Andersdenkenden stets im Dialog zu bleiben. Sie trat für einen respektvollen Umgang miteinander und ein klares Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit ein: für sie die Voraussetzungen für tragbare Lösungen.

Der Protest gegen die Atomkraft hat die Region verändert und unterschiedliche Gruppen in ihrer Haltung vereint. Es entstand die durch Vertreterinnen und Vertreter aus der Landwirtschaft geprägte „Bäuerliche Notgemeinschaft“ und zeitglich die „Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg (BI)“, zu deren Gründungsmitgliedern Marianne Fritzen gehörte. Ebenso war sie Gründerin der Grünen Liste Umweltschutz und später des Gorleben-Archivs.

Als 1980 erste Erkundungsarbeiten am Salzstock vorgenommen wurden, besetzen Atomkraftgegner ein Bohrloch und riefen die „Republik Freies Wendland“ aus. Für vier Wochen entstand ein Dorf der Protestbewegung. Durch den bis dahin größten Polizeieinsatz der Bundesrepublik Deutschland wurde die Aktion brutal beendet. Die Atomkraftgegner blieben unnachgiebig, kreativ und gewaltfrei.

Marianne Fritzen sprach sich in ihrem Wirken stets für Gewaltfreiheit aus und lebte diese. Sie galt als warmherzige streitbare Frau mit einem wachen Geist, die sich sehr intensiv in die Thematik eingearbeitet hatte. Auf dieser Basis konnte sie fundiert argumentieren und vereinte Souveränität in der fachlichen Auseinandersetzung mit Überzeugungskraft und Fähigkeit zum Dialog: „Die Leute müssen uns verstehen. Es reicht nicht, dass wir gute Argumente haben, die Argumente müssen in der öffentlichen Debatte standhalten.“

Seit 1991 war Marianne Fritzen Mitglied im Kreistag und im Samtgemeinderat Lüchow, ebenso wie stellvertretende Bürgermeisterin. Sie war bis 2001 in kommunalen Körperschaften vertreten und führte die politischen Auseinandersetzungen über Jahrzehnte mit Entschlossenheit und Souveränität. Der Atomkompromiss der Grünen 2001 ließ sich nicht mit ihrer kompromisslosen Haltung auf der Sachebene vereinbaren: 2001 trat sie aus der Bundespartei der Grünen aus. Ebenso lehnte sie die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes ab. Von einem Staat, der die Atomkraft unterstützte, wollte sie nicht ausgezeichnet werden. Den Petra-Kelly-Preis der Heinrich-Böll-Stiftung für die Achtung der Menschenrechte, das gewaltfreie Lösen von Konflikten und den Schutz der Umwelt, nahm sie 2010 hingegen an.

Marianne Fritzen verstarb am 06. März 2016 im Alter von 91 Jahren in Kolborn/Lüchow. Sie erlebte nicht mehr, dass der Salzstock Gorleben 2020 nach mehr als 43 Jahren Widerstand als Endlager für ungeeignet erklärt wurde.


Text: Dr. Gudrun Heuschen

Kulturtouristische Angebote

„Auf Marianne Fritzens Spuren” – Geocaching Rundgang in Lüchow

Verschiedene Orte und Begebenheiten, die in Marianne Fritzens Leben wichtig waren, können hier in Form einer modernen „Schatzsuche” – dem Geocaching – verfolgt werden.

Rundgang starten über: www.gorleben-archiv.de/mariannes-spuren oder bei der Tourist-Info Lüchow.

 

Beluga – Mahnmal und Zeichen des Atomwiderstandes im Wendland

Mitten im Wald und direkt beim Zwischenlager findet sich als Zeichen des Widerstandes das Greenpeace-Schiff „Beluga”. Rund um die „Beluga” wird die Geschichte des Anti-Atomwiderstandes mit Bildern und Texten erzählt. In der unmittelbaren Nähe findet auch das „Gorlebener Gebet” statt.

Führungen starten an der Beluga: www.bi-luechow-dannenberg.de

 

Gorleben Archiv e.V.

Wer mehr über die Bewegung sehen und erfahren möchte, findet hier Plakate, Bücher, Fotos, Filme und Interviews. Sogar die berühmte Strickmütze von Marianne Fritzen kann hier bewundert werden. Politische Hintergründe und Zeitgeist können im Archiv in vielfältiger Form erlebt werden. Öffnungszeiten und Kontakt sowie Hinweise und Termine zu Veranstaltungen im Rahmen des frauenORTES:  www.gorleben-archiv.de/frauenort

 

Der frauenORT Marianne Fritzen entstand in Kooperation mit der Gleichstellungsbeauftragten der Samtgemeinde Lüchow (Wendland), dem Gorleben Archiv e.V., der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V. und der Stadt Lüchow (Wendland) und wurde im Juni 2021 eröffnet.

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