Beate Maatsch, GB Landkreis Lüchow-Dannenberg
Selbstbewusst, mutig und klug setzte sie sich über gesellschaftliche Rollenerwartungen hinweg. 1813 schuf sich Eleonore Prochaska in Männerkleidung eine neue Identität, um als Soldatin in den Freiheitskampf gegen Kaiser Napoleon ziehen zu können. Mit ihrem eigensinnigen und entschlossenen Handeln durchbrach sie die Frauen von der Gesellschaft auferlegten Schranken und erweiterte die ihnen zugestandenen Aktionsräume. Ihr Handeln steht für das Streben der Frauen nach Freiheit, staatsbürgerlicher Gleichberechtigung und Demokratisierung.
Marie Christiane Eleonore Prochaska wurde am 11. März 1785 in Potsdam geboren. Sie wuchs in einer militärisch geprägten Umgebung auf: ihr Vater war preußischer Unteroffizier.
Da ihre Mutter sich krankheitsbedingt nicht um ihre Kinder kümmern konnte, verbrachten Eleonore und ihre Geschwister drei Jahre im Militärwaisenhaus in Potsdam. Anschließend arbeitete Eleonore als Hausangestellte, unter anderem als Köchin in einem Potsdamer Bürgerhaus.
1813 fühlte sie sich durch die starke patriotische Stimmung im Land berufen, sich nicht mit der zugewiesenen Rolle der Frauen in den Befreiungskriegen gegen Napoleon zufrieden zu geben. Nach der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in Preußen und während der Befreiungskriege 1813 wurde zunehmend mit starken Rollenbildern Werbung für die Armee gemacht. Männer sollten als mutige Kämpfer, als Nationalkrieger und Staatsbürger einem Heldenbild entsprechen. Dem gegenüber wurde Frauen die im Hintergrund unterstützend wirkende Rolle von „Heldenmüttern“, „Kriegerbräuten“ oder „edelmütigen Pflegerinnen“ zugeschrieben.
Eleonore Prochaska wollte sich aktiv kämpfend am Kriegsgeschehen beteiligen. Sie besorgte sich Männerkleidung und ließ sich unter dem Namen August Renz beim 1. Jägerbataillon des Lützower Freikorps registrieren. Ihre „weiblichen“ Fertigkeiten erwiesen sich dabei als sehr nützlich.
Am 16. September 1813 wurde sie in der Schlacht an der Göhrde, zwischen Lüneburg und Dannenberg, durch einen Kartätschenschuss schwer verwundet. Nachdem sie sich als Frau offenbart hatte, wurde sie zur Versorgung und Pflege in ein Bürgerhaus nach Dannenberg gebracht. Dort erlag sie drei Wochen später ihren Verletzungen und wurde auf dem St. Annen-Friedhof begraben.
Seit 1865 steht dort auf ihrem Grab ein Denkmal. Ein Obelisk, im Klassizismus des 19. Jahrhunderts ein beliebtes Symbol für unsterbliche Tugend und Standhaftigkeit, wurde zu ihren Ehren errichtet.
Der Mythos des „Heldenmädchens“ rankte sich schnell um ihre Person. Eleonore Prochaska wurde hochstilisiert zu einem Vorbild für Heldenmut, das immer dann benutzt wurde, wenn es im Sinne des Nationalismus nützlich erschien.
1913 fanden deutschlandweit große Feiern aus Anlass des 100. Jubiläums der Völkerschlacht zu Leipzig statt. Die Beschwörung des Nationalgefühls passte ein Jahr vor Ausbruch des 1. Weltkrieges hervorragend in die Stimmung der Zeit.
Ebenso wurde die Feier des 150. Geburtstages von Eleonore Prochaska 1935 für nationalsozialistische Propaganda in Dannenberg missbraucht.
Danach wurde es ruhig, bis das Interesse an ihrer Person in den vergangenen Jahren neu erwachte.
Die Wahrnehmung von Eleonore Prochaska ist stark abhängig von den zeitlichen Umständen und sie ist im Verlauf der vergangenen 200 Jahre von verschiedenen Kräften beeinflusst worden. Im Rückblick auf die Geschichte ist es entscheidend, dass Patriotismus immer mit größter Vorsicht zu betrachten ist. Damals aber erwachte er aus dem immer mehr reifenden Wunsch nach nationaler Einheit im Gegensatz zur Kleinstaaterei und dem wachsenden Bewusstsein des Bürgertums gegenüber dem Feudalismus. Erst später erhielt er den negativen Beiklang des Chauvinismus.
2013, 200 Jahre nach den Befreiungskriegen und ihrem Tod im Gefecht an der Göhrde, wurde mit einem frauenORT in Dannenberg Eleonore Prochaska als eine Frau gewürdigt, die in voremanzipatorischer Zeit sehr klar im Sinne ihrer inneren Überzeugung für die Freiheit ihrer Heimat agiert hat. Dabei überschritt sie mit ihrem Einsatz die Grenzen des vorgesehenen Handlungsspielraums für Frauen in eklatanter Weise.
Heute kann ihre Handlungsweise für weibliche Entscheidungsfreiheit und das Durchsetzen gleicher staatsbürgerlicher Rechte stehen – ein selbstbestimmtes Handeln aus innerer Überzeugung, auch gegen große Widerstände.
Die dabei grundsätzlich zu stellende Frage nach dem Verhältnis von Frauen und Militär wird in der Frauenbewegung und aus feministischen Perspektiven seit über 60 Jahren kontrovers diskutiert.
Text: Susanne Götting
Eleonore Prochaska. Als Frau in den Befreiungskriegen
Faltblatt zum frauenORT zum Herunterladen: > HIER
info@waldemarturm.de, Tel. 05861 808 117
Stadtführung
Eleonore und die Franzosenzeit – ein Hauch von Weltgeschichte in der Kleinstadt!
geführter Rundgang durch Stadt und Museum
info@waldemarturm.de, Tel. 05861 808 117
Vortrag
Eleonore Prochaska. Als Frau in den Befreiungskriegen
Ausgehend von der Rolle der Frau im 19. Jh., wird der außergewöhnliche Weg der jungen Frau aus Potsdam dargestellt, die sich entschloss als Soldatin an den Kämpfen gegen Napoleon teilzunehmen. Ebenso bemerkenswert ist ihre Mythisierung zur „Heldenjungfrau“ und die Rezeption, die ihre Geschichte durch die letzten 200 Jahre erfuhr.
Vortrag von Susanne Götting
Dauer des Vortrags: ca. 60 Min.
Kosten: Reisekostenerstattung
technische / organisatorische Voraussetzungen: Beamer
Kontakt und Buchung: Susanne Götting
Stadtarchiv / Gleichstellung
E-Mail: s.goetting@elbtalaue.de; Tel: 05861 808-117
Dauerausstellung im Museum im Waldemarturm
Franzosenzeit und Prochaska
Dauerausstellung zur Stadtgeschichte mit Themen-Nische,
> Museum im Waldemarturm Dannenberg, Amtsberg, 29451 Dannenberg
Grab- und Denkmal, St.-Annen-Friedhof, Prochaskaplatz
Gedenktafel, Lange Straße 31
Hörbeitrag
WDR ZeitZeichen - Eleonore Prochaska, Soldatin
Hörbeitrag 11.03.2020, von Veronika Bock und Ulrich Biermann,
mit einem Beitrag von Susanne Götting, Gleichstellungsbeauftragte der Samtgemeinde Elbtalaue, Historikerin und Museumsleiterin Waldemartum Dannenberg.
> hier anhören
Literatur:
Eleonore Prochaska, gestorben 1813 in Dannenberg.
Fakten, Mythen, Rezeptionsgeschichte
von Marc Bastet und Susanne Götting-Nilius,
erschienen im Merlin Verlag, Gifkendorf, 2014
Der frauenORT Eleonore Prochaska in Dannenberg (Elbe) entstand in Kooperation mit dem Stadtarchiv Dannenberg (Elbe), dem Museum im Waldemarturm sowie der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises Lüchow-Dannenberg und wurde im Mai 2013 eröffnet.