Ilona Hennig, GB LK Wittmund
Anke Kuczinski, Leiterin Jüdisches Museum
Sara Oppenheimer war eine bekannte Opernsängerin ihrer Zeit. Als junge Frau brach sie aus ihrem ländlich geprägten Umfeld aus und schaffte den Sprung an das renommierte Konservatorium in Leipzig. Dort entwickelte sie ihre Stimme mit Mut und Entschlossenheit und etablierte sich als Berufsmusikerin am Stadttheater Frankfurt/Main. Ihre festen Engagements ermöglichten ihr ein eigenes Einkommen, dennoch musste sie sich als Frau gegen Vorurteile durchsetzen. Ihre „geniale Auffassung und Darstellung“ sowie „innere Hingabe“ fanden große Anerkennung. Nach ihrer Heirat engagierte sie sich als Sara Wolf-Oppenheimer in Mainz für die Mainzer Liedertafel und die Frauenarbeitsschule. Die Künstlerin stammte aus einer alteingesessenen jüdischen Familie aus Esens.
Seit 1711 ist die jüdische Familie, der Sara Oppenheimer entstammte, in Esens nachweisbar. Ihr Vater, David Joseph Oppenheimer, ging verschiedenen Tätigkeiten u.a. als Viehhändler, Schlachter und Lichterzieher (Talgkerzenhersteller) nach. Ihre Mutter Regine, geb. Abrahamssohn, war ebenfalls eine gebürtige Esenserin, die einer der wohlhabendsten jüdischen Familien der Stadt entstammte.
Am 18.10.1844 wurde Sara Oppenheimer in der Herdestraße in Esens geboren. Sie besuchte zunächst die jüdische Volksschule neben der Synagoge in ihrer Heimatstadt. Das Fach Musik wurde dort nicht unterrichtet. Es ist anzunehmen, dass Saras Talent von ihrem Vater entdeckt wurde, der ebenfalls musikalisch war und über 50 Jahre lang dem Musikkorps der Esenser Schützencompagnie angehörte. Man kann davon ausgehen, dass Sara Oppenheimer eine sehr gute musikalische Ausbildung erhielt, die es ihr ermöglichte, ihre natürliche Veranlagung bestmöglich auszubilden und die Aufnahmeprüfung am Leipziger Konservatorium zu bestehen.
Sara Oppenheimer begann ihr Studium des Gesangs am Leipziger Konservatorium, das 1843 von Felix Mendelssohn Bartholdy gegründet worden war. Es gehörte zu den ersten und ältesten musikalischen Ausbildungsstätten Europas. Hier studierte sie von 1861-62 bei Franz Götze Gesang. Aufgrund ihrer Virtuosität wurde ihre Hauptprüfung in einem öffentlichen Konzert im Leipziger Gewandhaus abgenommen. Weitere Studien führten sie von 1862-63 nach Köln, wo sie ihr Studium bei dem Sänger und Gesangspädagogen Ernst Koch fortsetzte.
Ihr erstes Engagement nach ihrem Studium erhielt Sara Oppenheimer 1863 am Stadt- und Vaudeville-Theater in Köln, dem bald darauf ein Engagement am Opernensemble des Frankfurter Stadttheaters folgte. In Esens galt sie in den 1860er Jahre als die „berühmte Opernsängerin aus Frankfurt am Main“. In den Darstellungen der Azucena in Verdis 'Troubadour' (21.05.1863), Agathe in Webers 'Freischütz' (22.05.1863) und Nancy in Flotows 'Martha' (25.05.1863) überzeugte sie so sehr, dass sie 1863 ein festes Engagement erhielt. Unter Musikdirektor Ignatz Lachner war Sara Oppenheimer über zehn Jahre lang Mitglied des Opernensembles am Stadttheater in Frankfurt/M. Dort wirkte sie in über 40 Opern mit und interpretierte in den meisten Fällen eine der Hauptrollen. Ebenso trat sie als Solistin in und um Frankfurt/M. auf.
Von der zeitgenössischen Presse erfuhr sie große Wertschätzung, ihre großen Erfolge wurden anerkennend gewürdigt. Ihre geschulte und umfangreiche Stimme wurde als teils lieblich, teils gewaltig ebenso wie als klangvoll und glockenrein beschrieben. Doch nicht nur ihre Stimme, sondern ebenso ihre gesamte Erscheinung und ihre Auffassungs- und Darstellungskunst wurden in den höchsten Tönen gelobt.
Auch Richard Wagner wurde auf die Sängerin aufmerksam, als er ab 1872 mit seiner Frau Cosima zahlreiche Opernhäuser in Deutschland besuchte, um die besten Sängerinnen und Sänger für die ersten Bayreuther Festspiele zu gewinnen. Er äußerte sich öffentlich anerkennend über Sara Oppenheimer, nachdem er sie als Fides in Meyerbeers Oper 'Der Prophet' erlebt hatte: "Vorzüglich zog ein Frl. Oppenheimer, welche die berühmte Mutter des Propheten sang, meine sehr ernstliche Beachtung auf sich. Außerordentliche Stimm=Mittel, fehlerlose Sprache und große Leidenschaftlichkeit in den Accenten zeichneten diese stattliche Sängerin aus. Sie hatte sich unverkennbar zur Künstlerin ausgebildet".
Die Anerkennung Sara Oppenheimers Kunst durch Richard Wagner führte zu einem Anwerbeversuch Wagners, der durch seinen Kapellmeister Hans Richter 1874 versuchte, Sara Oppenheimer für die geplanten Inszenierungen in Bayreuth zu gewinnen. Sara Oppenheimer hatte bereits 1872 den Antrag auf ein Engagement am Hofoperntheater in Wien abgelehnt, da sie ihren Verpflichtungen am Frankfurter Theater nachkommen musste und wollte. Dem Gesuch Richard Wagners aus Bayreuth stimmte sie zunächst hocherfreut zu, konnte aber an den Proben ab Juli 1875 nicht teilnehmen, da sie ihr erstes Kind erwartete. Das Engagement in Bayreuth wäre ein glanzvoller Höhepunkt ihrer Karriere gewesen.
Seit dem 31. Dezember 1874 war sie mit dem Mainzer Wein- und Hopfenhändler Bernard Wolf vermählt und nahm zur gleichen Zeit ihren Abschied von der Bühne. Bernard Wolf war Witwer und brachte vier Kinder mit in die Ehe ein. 1876 bekamen Sara Oppenheimer und Bernard Wolf den gemeinsamen Sohn Michael, dem 1877 die Tochter Fides folgte.
Die Frankfurter Presse schenkte ihrem Abschied von der Bühne große Beachtung, in der Kunstwelt hatte sich Sara Oppenheimer als Sängerin einen hervorragenden Ruf erworben.
Sara Oppenheimer blieb auch nach ihrem Rückzug von den großen Opernbühnen im kulturellen Leben engagiert. Sie war Mitglied in der Chorvereinigung „Mainzer Liedertafel und Damengesangverein“, einer der bedeutendsten bürgerlichen Musikvereinigungen der damaligen Zeit, und trat als Solistin in Mainz auf.
Darüber hinaus engagierte sie sich auch sozial insbesondere für die Berufsausbildung von Mädchen und jungen Frauen. Sie war unter Anderem Mitglied im Verein „Mainzer Frauenarbeitsschule“, der darauf hinwirkte, Mädchen und Frauen eine berufliche Ausbildung zu ermöglichen. 1896 gründete der Verein eine Schule zur beruflichen Bildung von Mädchen in Mainz, die heutige Sophie-Scholl-Schule.
1882 verstarb Sara Oppenheimers Ehemann Bernard Wolf in Mainz, so dass sie nach nur acht Jahren Ehe mit vier Stief- und zwei leiblichen Kindern als Witwe zurückblieb.
1906 verstarb sie mit 62 Jahren ebenfalls in Mainz und wurde auf dem dortigen Neuen Jüdischen Friedhof beigesetzt. Seit 1914 trägt eine Straße in Esens ihren Namen.
Text: Dr. Gudrun Heuschen
Stadtführung
„Auf den Spuren Sara Oppenheimers"
Anmeldung bei Friedrich Appelt
Tel. 04971 3692
E-Mail: appelt.esens@freenet.de
Gedenktafel am August Gottschalk Haus
Burgstr. 8, Esens
Gedenktafel am Geburtshaus
Herdestr. 1, Esens
Jüdisches Museum August Gottschalk Haus
Burgstr. 8, Esens
Informationen unter www.august-gottschalk-haus.de
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Die Würdigung Sara Oppenheimers in Esens ist eine Kooperation des Landesfrauenrates Niedersachsen e.V. mit dem Ökumenischen Arbeitskreis Juden und Christen in Esens e.V., 321 – 2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland e.V., der Ostfriesischen Landschaft Aurich, dem Landkreis Wittmund, der Stadt Esens und der Sparkasse LeerWittmund. Der frauenORT wurde am 17. Oktober 2021 eröffnet.