„Ich leugne nicht, dass durch des Schöpfers gnadenreiches Wirken die freien Künste mir zu eigen wurden, da ich ein Wesen bin, begabt mit Fähigkeit und Fleiß.“
Sie war eine der ersten literarisch tätigen Frauen im frühen Mittelalter. Ab Mitte des 10. Jahrhunderts verfasste sie als Kanonisse im Stift Gandersheim in lateinischer Schrift acht Lebensbeschreibungen heiliger Frauen und Männer sowie Märtyrer- und Bekehrungsdramen. Ihre Heldinnen meistern lebensbedrohliche Situationen mit Mut und Klugheit, vor allem aber im festen Glauben an Gott. Mit ihren beiden epischen Geschichtsschreibungen über die Taten Kaiser Ottos des Großen und die Gründung des Gandersheimer Frauenstifts beschritt sie neues schriftstellerisches Terrain.
Roswitha von Gandersheim war Kanonisse des Stiftes Gandersheim und gilt mit ihren geistlichen Schriften, historischen Dichtungen und Dramen als erste deutsche Dichterin im frühen Mittelalter
Roswitha von Gandersheim (um 935–980) zählt zu den bedeutendsten Frauen des europäischen Frühmittelalters. Sie ist eine der wenigen namentlich bekannten Schriftstellerinnen ihrer Zeit – und bemerkenswerterweise nennt sie sich selbst Hrotsvitha Gandeshemensis, klangstarke Stimme von Gandersheim. Vielleicht eine Art Künstlername? Dies verweist auf ihre enge Bindung an das Stift und auf ihr Selbstverständnis als Stimme dieses Ortes. Über ihr persönliches Leben ist nur wenig bekannt; sie spricht vor allem durch ihre Werke zu uns.
Ihr Wirken ist eng mit dem sächsischen Kanonissenstift Gandersheim verbunden – einem Ort, der ihr Bildung, geistige Freiheit und Nähe zur ottonischen Herrschaft bot. Diese außergewöhnliche Kombination ermöglichte ihr literarisches Schaffen in einer Epoche, in der Frauen nur selten schriftlich sichtbar wurden
Das 852 gegründete Stift entwickelte sich im 10. Jahrhundert zu einem religiösen und kulturellen Zentrum. Die Kanonissen legten kein Gelübde ab und konnten das Stift verlassen – eine Lebensform, die adeligen Frauen neue Freiräume eröffnete. Roswitha erhielt hier eine umfassende Ausbildung in den Sieben Freien Künsten. Die große Bibliothek, das Scriptorium und die Förderung durch Äbtissin Gerberga, eine Nichte Kaiser Ottos I., prägten ihre intellektuelle Entwicklung und legten den Grundstein für ihr literarisches Werk
Roswithas Werk umfasst drei große Bereiche: christliche Legenden, dramatische Dichtungen und historische Epen. Die frühen Legenden behandeln das Leben Marias, die Himmelfahrt Christi sowie verschiedene Heiligen- und Märtyrergeschichten. Sie zeigen ihre Fähigkeit, religiöse Stoffe literarisch anspruchsvoll und moralisch klar zu gestalten.
Ab etwa 963 entstanden ihre sechs Dramen. Formal an römische Dichter angelehnt, setzen sie inhaltlich eigene Akzente: Im Mittelpunkt stehen kluge, mutige Christinnen, die sich gegen unterschiedliche Bedrohungen behaupten. Humorvolle, lebendige und überraschend moderne Szenen verleihen den Stücken besondere Kraft. Roswitha zeigt weibliche Stärke und vermittelt zugleich christliche Werte – ein literarisches Signal, das weit über ihre Zeit hinausweist.
Den Abschluss ihres Werkes bilden zwei historische Epen über die ottonische Dynastie und die Geschichte des Stifts. Sie machen Roswitha zur Chronistin, die das Selbstverständnis ihrer Gemeinschaft literarisch festigte.
Roswithas Wirkung reicht weit über das frühe Mittelalter hinaus. 1501 wurden ihre Werke wiederentdeckt und, begleitet von Holzschnitten aus der Werkstatt Albrecht Dürers, gedruckt. Heute liegen sie in zahlreichen Übersetzungen vor und sind international Gegenstand der Forschung. Roswitha gilt als Symbol weiblicher Gelehrsamkeit und als frühe Stimme einer selbstbewussten Frauengeschichte. Ihr Werk zeigt eindrucksvoll, welche zentrale Rolle Frauenstifte als Bildungsorte spielten und wie Frauen im frühen Mittelalter aktiv an Kultur, Wissen und gesellschaftlichem Leben teilhaben konnten.
Als „Roswithastadt“ würdigt Bad Gandersheim ihr Erbe bis heute und verleiht alle zwei Jahre den Roswitha Literaturpreis an herausragende Autorinnen. Das Literaturhaus Gandersheim setzt bewusst auf moderne Formen der Vermittlung und lässt Roswithas literarische Stimme auf neue, lebendige Weise weiterwirken. Auch die Gandersheimer Domfestspiele greifen diese Tradition auf und halten die kulturelle Erinnerung an Roswitha lebendig.
Text: Ulla Feiste
Öffentliche Führung im Sommerschloss Brunshausen
Der Klosterhügel Brunshausen ist die Keimzelle Gandersheims. Hier gründeten die ottonischen Stammeltern Liudolf und Oda 852 das Gandersheimer Frauenstift.
In der Führung erfahren Sie mehr über das Leben der Äbtissin Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen und ihre Sammelleidenschaft.
Öffentlichen Führungen:
Sonntags, 14.00 Uhr
Stiftskirche Bad Gandersheim
Die romanische Stiftskirche mit ihrer eindrucksvollen Doppelturmfassade zeugt noch heute von der hohen Bedeutung des Frauenstifts. Erleben Sie den geistlichen Mittelpunkt der Frauengemeinschaft und die Wirkungsstätte der Stiftsdame und Dichterin Roswitha bei dem Rundgang "Unterwegs mit Roswitha" oder buchen Sie eine Führung durch die Stiftskirche inklusive Abtei und Kaisersaal.
Anfragen für Gruppenführungen:
Portal zur Geschichte
> https://www.portal-zur-geschichte.de/
Telefon 05382 955647
Stadtrundgang zum Selbstentdecken
Stadtspaziergänge mit Roswitha
In eigenständigen oder geführten Stadtspaziergängen erfahren Sie mehr zum Leben und Werk der ersten deutschen Dichterin. Folgen Sie ihren Spuren in der historischen Altstadt, der Gandersheimer Stiftskirche und im Kloster Brunshausen.
Faltblatt für den eigenständigen Stadtspaziergang mit Roswitha zum
> Download
Literarisches Konzert
„Roswitha von Gandersheim“
Eine literarisch-musikalische Begegnung mit der Dichterin, mit Andrea Freistein-Schade und Claudia Schaare.
Inhalt: Das Duo Andrea Freistein-Schade und Claudia Schaare erweckt berühmte Persönlichkeiten im Format eines „Literarischen Konzerts“ zum Leben. Die Pianistin Claudia Schaare und die Literaturwissenschaftlerin Andrea Freistein-Schade erarbeiteten gemeinsam diese künstlerische Darstellungsform, mit der sie ihre Zuhörerinnen und Zuhörer auf eine Reise in die Lebenswelt berühmter Menschen nehmen. Die von Andrea Freistein-Schade verfassten Texte vertiefen im Zusammenhang mit den abgestimmten Musikstücken eine Atmosphäre, die die Geschichte Roswithas lebendig werden lässt. Das literarische Konzert kann auf Wunsch auch für andere frauenORTE Niedersachsen Persönlichkeiten erstellt werden.
Dauer des Angebots: 1 Stunde
Weitere Informationen und Buchung: Andrea Freistein-Schade
Tel.: 05321 - 389700 oder 0177 - 5432207
E-Mail: a.freistein-schade@pe.tu-clausthal.de
Literatur
Hrotsvit von Gandersheim: Primordia coenobii Gandersheimensis
"Die Anfänge des Klosters Gandersheim“ - so lautet der Titel des Buches, das im Wallstein-Verlag Göttingen erschienen ist. Die neue Übersetzung mit erklärenden Anmerkungen fertigte Fidel Rädle, der von 1981 bis 2000 an der Universität Göttingen als Professor für Lateinische Philologie des Mittelalters und der Neuzeit lehrte und seit 1993 ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen ist. Herausgeber des Roswitha-Buches sind der ehemalige Museumsleiter Thorsten Henke vom Portal zur Geschichte und der Geschichtswissenschaftler Christian Popp.
Preis: 9,90 Euro
Erhältlich im Buchhandel.
Weitere Informationen zur Roswitha von Gandersheim:
Link zum > Portal zur Geschichte – Sammlung Frauenstift Gandersheim
Weitere Angebote
Angebote zum Genießen, aktuelle Literatur, Projekte und Veranstaltungen rund um die Stiftsdame und Dichterin Roswitha von Gandersheim:
> Tourist-Information Bad Gandersheim
Der frauenORT Roswitha von Gandersheim in Bad Gandersheim entstand in Kooperation mit der Gleichstellungsbeauftragten vom Landkreis Northeim, den ev. und kath. Kirchengemeinden, dem Portal zur Geschichte, dem Kunstkreis Brunshausen und den Schulen im Stadtgebiet und wurde im Oktober 2013 eröffnet.