Die Ingenieurin Sibylle von Schieszl stieg als erste Frau in den Führungskreis im technischen Bereich des Volkswagen-Konzerns auf. Während des Zweiten Weltkrieges hatte sie Technische Physik an der Technischen Hochschule Dresden studiert und promovierte dort 1948 zum Dr. Ing. 1952 verließ sie die DDR. Bei Volkswagen arbeitete Sibylle von Schieszl nach mehreren Stationen im Werk bis 1979 als Hauptabteilungsleiterin für Qualitätsförderung. Seit 1963 engagierte sie sich im Wolfsburger Club von Soroptimist International, der Frauen in leitenden Tätigkeiten weltweit vernetzt.
Die für Deutschland fast sprichwörtliche Qualität im Automobilbau ist maßgeblich auch Sibylle von Schieszl zu verdanken.
Die Ingenieurin verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Dresden. 1918 wurde sie dort als Tochter von Walther Schieck und seiner Frau Martha geboren. Ihr Vater war von 1930 bis 1933 der letzte frei gewählte Ministerpräsident des Freistaats Sachsens vor der nationalsozialistischen Machtübernahme. In ihrem Elternhaus erfuhr sie eine weitreichende Förderung zur Ausbildung ihrer Persönlichkeit und wurde insbesondere von ihrem Vater zu kritischem Denken ermutigt.
Von 1940 bis 1943 studierte Sibylle Schieck an der Technischen Hochschule Dresden Physik und war danach als wissenschaftliche Assistentin am Physikalischen Institut tätig. Nach dem Abschluss ihrer akademischen Ausbildung heiratete sie 1944 ihren Studienkollegen, den Diplom-Ingenieur Karl Theodor Schieszl von Buda. Als 1945 die erste gemeinsame Tochter geboren wurde, war Sibylle von Schiezl zunächst auf sich allein gestellt, da sich ihr Mann noch in Kriegsgefangenschaft befand. Während dieser Zeit gelang es ihr, ihre Doktorarbeit im Bereich technische Physik zu erarbeiten und sie wurde 1948 zur Dr.-Ing. promoviert. An die besonderen Bedingungen der Promotionsphase als alleinerziehende Mutter in einer durch den Krieg zerstörten Stadt erinnerte sie sich später, als sie schilderte, wie sie die Entwürfe ihrer Doktorarbeit in der zerstörten Stadt sichern musste. Gespräche mit ihrem Doktorvater wurden dadurch erleichtert, dass sie den Kinderwagen mit ihrer Tochter neben dem geheizten Ofen im Institut abstellen durfte.
Durch die politische Situation in der jungen DDR wurde Sibylle von Schieszl vor eine Gewissensentscheidung gestellt, die die Ausreise aus der Republik unumgänglich machte. Der Prorektor des Instituts, an dem sie an der Technischen Universität Dresden tätig war, übergab ihr eine Liste mit Namen von etwa 20 Studierenden, denen eine Verhaftung kurz bevorstand. Sibylle von Schieszl war bewusst, dass sie selbst würde fliehen müsse, sollte sie die Studierenden warnen. In sehr kurzer Zeit organisierte sie die Flucht ihrer Familie, warnte die Studierenden und floh mit Mann und Tochter nach Westberlin.
Ihre nächste berufliche Station führte sie nach Mannheim in ein Labor der US Army, bevor sie 1956 zu Volkswagen nach Wolfsburg wechselte. Dort leitete sie das Labor für anorganische Chemie und baute ab 1966 die Schadensermittlung auf, deren Leitung sie 1970 übernahm. Damit rückte sie als erste Frau ins Management des Volkwagenkonzerns auf. Ab 1972 bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Berufsleben 1979 widmetet sie sich der Qualitätsförderung im Fahrzeugbau und setzte in der Automobilindustrie richtungweisende Standards für Qualität.
Neben ihrer Berufstätigkeit im Management engagierte sie sich für den Club Soroptimist International in Wolfsburg. Sie war bereits 1963 Gründungsmitglied und konnte durch ihre beruflichen Kontakte internationale Vernetzung auch für den Soroptimist Club anbahnen und pflegen. Sibylle von Schieszl nutzte ihre Verbindungen, um im Club Soroptimist die Rechte und die Verbesserung der Lebensbedingungen von Frauen und Mädchen zu fördern. Insbesondere die weltweite Vernetzung von Frauen in leitenden Positionen war ihr ein Anliegen.
Die letzten beiden Jahrzehnte ihres Lebens verbrachte Sibylle von Schiezl in Schweden, wo ihre Tochter ihren Lebensmittelpunkt gefunden hatte. Dort verstarb sie am 14. Februar 2010 in Torekov.
Text: Dr. Gudrun Heuschen
Stadtrundgang zum Selbstentdecken
Sibylle von Schieszl. Als Frau in der Männerwelt
Flyer für selbstorganisierte Stadtspaziergänge zum Herunterladen: > HIER
oder zum Bestellen beim Gleichstellungsreferat Stadt Wolfsburg.
Museumsausstellung - wird derzeit überarbeitet
Dr. Sibylle von Schieszl
Ausstellung im Science Center phæno: www.phaeno.de
Mehr Informationen zur Ausstellung > HIER
Stadtführung
Frauen bewegen Wolfsburg
Die erste Hauptabteilungsleiterin und Managerin bei der Volkswagen AG, Dr. Ing. Sibylle von Schieszl, nimmt Sie mit zu einem Spaziergang. Erfahren Sie, wie Frauen in der jungen Geschichte Wolfsburgs entscheidend das Gesicht unserer technikorientierten Stadt auf diesem Sektor geprägt haben. Jede Frau hat eine andere Geschichte. Am Ende des Rundgangs erleben Sie den frauenORT Wolfsburg im phaeno und begegnen hier Frau Dr. von Schieszl inmitten ihres Forschungsbereichs.
Termine: > WMG Wolfsburg Wirtschaft und Marketing GmbH, Tel. 05361 899930
Der frauenORT Sibylle von Schieszl ist eine Kooperation mit dem Gleichstellungsreferat der Stadt Wolfsburg, der Volkswagen AG und dem Science Center phæno. Der frauenORT wurde im Februar 2015 eröffnet.