Die zur Dr. phil. promovierte Wissenschaftlerin ist Wegbereiterin der kritischen Geschlechterforschung. Ihre Arbeit leistete sie gegen den Widerstand des männlich geprägten Wissenschaftsapparates – auch an der Universität Jena, an die sie 1923 als erste Professorin berufen wurde. Mit der NS-Diktatur erfolgten 1933 Entlassung, Publikations- und Ausreiseverbot.
Mathilde Vaerting war interdisziplinär tätig. Sie entwickelte neue Unterrichtswege, um z.B. das Interesse von Mädchen an Mathematik zu fördern. Der von ihr beschriebene Einfluss sozialer Erwartungen auf das Lernen ging 1971 als „Pygmalion-Effekt“ in die Literatur ein. Die neuere Geschlechterforschung knüpft an viele ihrer Forschungsthemen an.
Mathilde Vaerting gilt als Wegbereiterin der kritischen Geschlechterforschung. Eine ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisse, „Begabung ist an kein Geschlecht gebunden“, zieht sich durch ihr Lebenswerk und hat auch ihre eigene Entwicklung stark beeinflusst.
Bereits in ihrem Elternhaus erfuhr die 1884 geborene Mathilde durch Ihre Eltern Johann Heinrich Vaerting (1843-1905) und Anna Mathilde Vaerting, geb. Siering (1857-1897) ebenso wie ihre neun Geschwister eine gute Ausbildung. Die Eltern besaßen einen florierenden landwirtschaftlichen Besitz, der es ihnen ermöglichte, ihren Kindern eine bestmögliche Ausbildung zu gewähren. Acht der zehn Kinder waren Mädchen, von denen vier einen Studienabschluss in Mathematik und Naturwissenschaften erwarben.
Die Studienzeit der Geschwister stand unter einem guten Stern: Sie fiel in eine Zeit, in der der mathematisch-naturwissenschaftliche Unterricht reformiert wurde und 1905 erstmals eine Frau in Berlin das Lehramtsstaatsexamen für höhere Schulen in Mathematik ablegen durfte. Dies eröffnete Frauen und Mädchen neue Berufsmöglichkeiten.
Durch den frühen Tod der Eltern, der den Großteil der Geschwister im Jugendalter zu Waisen machte, rückten die Geschwister eng zusammen und studierten auch gemeinsam. Die 1880 geborene Marie promovierte mit einer mathematischen Dissertation, betätigte sich aber auch als Romanschriftstellerin und rückte emanzipierte Frauenfiguren in den Fokus ihrer Romane. Mathilde, Stephanie und Theodore wurden Lehrerinnen für naturwissenschaftliche Fächer an höheren Mädchenschulen. Mathilde erreichte dabei mit Ihrer späteren Professur an der Universität Jena die höchste Karrierestufe.
Mathilde Vaertings Gesuch, an der Universität Berlin in der Psychologie habilitiert zu werden wurde von der ausschließlich mit Männern besetzten Fakultät 1919 abgelehnt. Zu modern war ihre Forschungsschrift „Die Neubegründung der Geschlechter. Ein Beitrag zur Methodik der differentiellen Psychologie“. 1921/23 publizierte sie diese und vertiefte sie durch weitere Arbeiten zur Soziologie und Psychologie der Macht (1928/1929). Ihre hochmodernen Thesen, dass die Positionen der Geschlechter als das Produkt ihrer Machtstellungen einzuschätzen sind, machte sie nun einem breiteren Publikum zugänglich. Sie fanden in der Fachwelt Anerkennung und werden bis in die heutige Zeit rezipiert.
Am 1. Oktober 1923 wurde Mathilde Vaerting, die ihr Studium der Mathematik, Physik, Philosophie und Psychologie 1910 abgeschlossen und in Bonn promoviert hatte, an die Universität Jena als Professorin für Erziehungswissenschaften berufen. Als deutschlandweit zweite Frau mit einer Professur war sie im Kollegenkreis vielen Anfeindungen ausgesetzt, die sie immer wieder parieren musste.
Bereits als Lehrerin war sie neue Wege gegangen. Sie unterrichtete in erster Linie Mathematik und entwickelte neue Lernmethoden: statt des vorherrschenden Auswendiglernens setzte sie in ihrem Unterricht das „forschende Lernen“ ein, eine noch heute moderne, problemorientierte Form des Unterrichts, mit der sie die Selbständigkeit der Schülerinnen förderte. Ihr Ziel der Methode war es, die Aufgaben so zu stellen, dass „der Schüler selbständig etwas nicht Behandeltes, etwas neues findet“.
Die wissenschaftlichen Schlüsse, die sie aus ihren Lehr-Erfahrungen zog, waren bahnbrechend: Mathilde Vaerting erkannte, dass Mädchen gute Mathematikleistungen bei Lehrpersonen erzielten, die gute Leistungen von ihnen erwarteten, jedoch schlechtere Leistungen bei Lehrkräften zeigten, die von einer schlechten Leistung ausgingen. Erst in den 1970er Jahren ging diese Wechselwirkung als Pygmalion-Effekt in die wissenschaftliche Literatur ein: dass das Lernen an den Kontext sozialer Erwartungen geknüpft ist.
1933 wurde ihr nach der Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten die Professur aus politischen Gründen entzogen, da sie als sozialistisch gesinnt galt. Finanziell war sie durch den Erhalt von Dreiviertel ihres Ruhegehaltes abgesichert, intellektuell begann jedoch eine Durststrecke. Sie durfte nicht mehr publizieren und musste mehrere berufliche Angebote im Ausland (USA, Niederlande, England) ablehnen, da für sie ein Ausreiseverbot verhängt wurde.
Als Professorin konnte sie auch nach 1945 nicht mehr tätig werden, war jedoch Zeit ihres Lebens in der Publikation und der Edition von Werken tätig und darüber hinaus Mitglied in verschiedenen wissenschaftlichen Gesellschaften.
Am 06.05.1977 starb sie in Schönau im Schwarzwald.
„Begabung ist an kein Geschlecht gebunden“ – Mathilde Vaerting hat sich, auch durch ihre Erziehung, nicht nur zugetraut, nach dieser These zu leben, sondern sie auch im wissenschaftlichen Kontext vertreten und belegt.
Text: Dr. Gudrun Heuschen
Stadtführung
Messinger Highlights
Ortsführung mit Station zum frauenORT Mathilde Vaerting,
Termine für Gruppen auf Anfrage buchbar:
info@heimatverein-messingen.de
Ausstellung
Mathilde Vaerting
Ausstellung am Heimathaus, Thuiner Straße 12, Messingen
Informationen zu Mathilde Vaerting
Website "Messinger Leute":
https://www.heimatverein-messingen.de/leute
Gedenktafel
an ihrem Geburtshaus in der Frerener Straße 11, Messingen
Radtour mit Auido-Guide
Mathilde-Vaerting-Weg
Der Radwanderweg in Messingen hat nicht nur einen touristischen Stellenwert, sondern stellt auch eine ideale Wegeverbindung vom neuen Baugebiet zum Sportgelände dar. Hier ein kleiner Vorgeschmack für alle, die auf einer Radtour auf dem Emsradweg Station in Messingen machen wollen, Youtube: Mathilde-Vaerting-Weg
100. Jubiläum zur Antrittsrede Mathilde Vaertings an der Universität Jena
Prof. Dr. Mathilde Vaerting war die erste ordentliche Professorin für Pädagogik in Deutschland. Zum 100. Jubiläum (17.11.1923 - 17.11.2023) ihrer Antrittsrede gestaltete die Universität Jena ein umfangreiches Rahmenprogramm, u.a. mit wissenschaftlichem Symposium und der Nachstellung der Antrittsrede durch die DNT-Schauspielerin Johanna Geißler.
Auf der Website der Gesellschaft zur Erforschung der Demokratie-Geschichte finden sich viele Informationen über Mathilde Vaertings Biografie, sowie Interviews mit Dr. Christian Faludi von der GEDG.
> Website der Gesellschaft zur Erfoschung der Demokratie-Geschichte
Der frauenORT Mathilde Vaerting ist in Kooperation mit dem Heimatverein Messingen, den Landfrauen Messingen, der Gemeinde Messingen, der Gleichstellungsbeauftragten der Samtgemeinde Freren und dem Touristikverein F-L-S entstanden und wurde im März 2019 eröffnet.