Angelika Becker, Vorsitzende des Frauenrates im Landkreis Cuxhaven e.V.
Als erste Reederin Cuxhavens betrieb sie die Elbfähre nach Brunsbüttelkoog. Greten Handorf initiierte 1924 die Wiedereinrichtung der stillgelegte Fährverbindung zwischen den Hafenstädten. In den folgenden Jahren baute Greten Handorf einen regelmäßigen Fährbetrieb für bis zu 180 Passagiere auf. Die dafür notwendige Konzession erwirkte sie beim Reichsverkehrsministerium in Berlin. Als stadtbekannte Persönlichkeit führte sie das Unternehmen zunächst eigenständig, dann unter treuhänderischer Verwaltung bis 1938.
Margarethe Handorf, geb. Rohwer, kam mit Mann und Kind Anfang des 20. Jahrhunderts nach Cuxhaven. 1880 wurde sie in Wrohm in Dithmarschen geboren. Ihr Mann arbeitete als Krabbenfischer mit eigenem Schiff, später verkaufte sie gemeinsam mit ihm Brot an Marinesoldaten. Vom freudigen Ereignis der Geburt der Tochter Lilly 1919 abgesehen, musste die Familie ab 1917 mehrere Schicksalsschläge verkraften: Der Sohn starb 1917 an Diphterie, und der Familienvater konnte nicht mehr als Fischer zur See fahren.
Greten Handorf musste ein Auskommen für die Familie finden. Gleichzeitig bemerkte sie, dass die Lotsen, die zur Arbeit auf dem 1894 eröffneten, stark frequentierten Nord-Ostseekanal von Cuxhaven nach Brunsbüttelkoog gelangen mussten, dringend auf ein Verkehrsmittel angewiesen waren. Die Lotsen begleiteten die Schiffe bis zur Einfahrt in den Kanal oder von dort in die Nordsee. Für den jeweils gegenläufigen Weg wurde dringend eine Verkehrsanbindung benötigt.
Die findige Greten Handorf ergriff die Gelegenheit und machte sich 1919 als Reederin selbständig. Ab 1924 war sie im Register des Norddeutschen Lloyds als Reederin aufgeführt und betrieb nacheinander drei Fähren. Um die Konzession zu erhalten, die „Reichswasserstraße Elbe“ durchqueren zu dürfen, wurde sie selbst im Reichsverkehrsministerium in Berlin vorstellig, wo sie es durch ihre resolute Art und ihre begründeten Argumente in kurzer Zeit schaffte, die persönliche Genehmigung des Ministers zu erhalten.
Für ihre Fährverbindung nutzte sie zuerst den umgebauten Krabbenkutter der Familie, die „Grete“. Der Komfort war auf diesem ersten Schiff noch nicht auf den Passagierverkehr ausgelegt, die Ausstattung nur spartanisch. Aber die neue Verbindung wurde gut angenommen. In der Männerdomäne der Seefahrt behauptete sich die tatkräftige Frau und traf auf eine Marktlücke: Neben den Lotsen, die diese Fähre für ihren Arbeitsweg in Anspruch nahmen, kamen weitere Fahrgäste, die ebenfalls die Verbindung zwischen den beiden Elbufern für Badeausflüge und Verwandtenbesuche nutzten. Auch Hochseeausflüge nach Helgoland bot sie an. Bald wurde der Kutter „Grete“ zu klein für die steigende Zahl der Passagiere. Ab 1926 stieg Greten Handorf auf den Fischkutter „Anne-Marie“ um, der zwar größer, aber auch nicht komfortabler ausgestattet war: Die Fahrgäste fuhren im ehemaligen Fischraum mit, in dem 84 Personen Platz fanden.
Die Erfolgsgeschichte schrieb sie fort, als sie 1927 den Schleppdampfer „Mercur“ kaufte: Auf dieses Schiff passten mindestens 184 Passagiere, Stückgut und zwei Autos pro Fahrt. Sonntags verkehrte der Dampfer dreimal, an Werktagen zweimal täglich.
Neben den von den Fahrgästen entrichteten Fahrpreisen hatte die Reederei von Greten Handorf ein festes Einkommen aus öffentlichen Geldern: Die elbangrenzenden Kommunen beteiligten sich am Fährbetrieb, der verkehrspolitisch eine große Errungenschaft für die Region bedeutete.
Respekt wurde Greten Handorf für ihren tatkräftigen Einsatz in der Männerdomäne Schifffahrt gezollt: In Cuxhaven war sie als „Käptn Grete“ bekannt. Bis 1938 blieb sie als Reederin aktiv, bis zu ihrem Tod 1944 lebte sie in Cuxhaven.
Obwohl seit der Einführung des Gleichstellungsgesetzes von 1958 Frauen Maschinistinnen und Matrosinnen werden können, sind die Ressentiments gegenüber Frauen in der Seefahrt auch heute noch groß. Die Zahl der weiblichen Kapitäne liegt derzeit bei unter einem Prozent.
2015 nahm die Elb-Link-Reederei die zwischenzeitlich eingestellte Verbindung Brunsbüttel-Cuxhaven wieder auf. In Erinnerung an die Reederei von Greten Handorf trugen zwei Schiffe die Namen ihrer Fähren: „Grete“ und „Anne-Marie“. Der Betrieb musste jedoch 2017 eingestellt werden. Die Schiffe wurden nach Kanada verkauft.
Text: Dr. Gudrun Heuschen
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Greten Handorf
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frauenORT Greten Handorf
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Info-Tafel zu Greten Handorf
Standort: an der Klappbrücke über dem Schleusenpriel (Zollkaje)
Hörbeitrag
bei Radio Bremen Zwei:
https://www.bremenzwei.de/themen/frauengeschichte-reederin-greten-handorf-cuxhaven-100.html
Literatur
Von der Fischerfrau zur Reederin - Ein Erinnerungsort für die Fährbetreiberin Margaretha Handorf
Feldkamp/Roskosch-Buntemeyer, in: Deutsche Schiffahrt 1.2017
herausgegeben vom Förderverein Deutsches Schiffahrtsmuseum e. V.,
Hans-Scharoun-Platz 1 in 27568 Bremerhaven
Der frauenORT Greten Handorf in Cuxhaven entstand in Kooperation mit den Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises Cuxhaven, der Stadt Cuxhaven, dem Deutschen Schiffahrtsmuseum und dem Frauenrat im Landkreis Cuxhaven e.V. und wurde im Juni 2015 eröffnet.